oder Gelegenheit macht Mörder

Ein hochrangiger Kriminalpolizist hat einmal behauptet, es gäbe im Grunde nur zwei Motive für Mord: Leidenschaft und Geld. Im Fall von Bruno Wazilowski war es das Letztere. Doch es ver­barg sich mehr dahinter: Der Traum zweier junger Männer einfacher Herkunft von ei­nem Leben ohne fi­nanzielle Sorgen, ihre Vision von einem Neubeginn im Land der unbe­grenzten Möglichkei­ten. Konkret mordete Wazilowski wegen 1000 Dollar. Beinahe wäre ihm das perfekte Ver­brechen gelungen. Dass man ihn vier Jahre nach seiner Tat dennoch überführen konnte, ist mühevoller kriminalistischer Detailarbeit zu verdanken – und einem besonders findigen Ge­richtsmediziner.

Es war ein kalter trüber Februarmorgen im westlichen Niederösterreich. Der Wind hatte den Schnee von den Feldern entlang der A1 geblasen und ihn an den Waldrändern zu schmutzigen Wechten zusammengepresst. An diesem Morgen chauffierte Georg Zoller, Professor am In­stitut für Gerichtliche Medizin der Universität Wien, seine Familie in den Schiurlaub. Kurz nach der Abfahrt St. Valentin zeigte er auf eine Stelle jenseits der Gegenfahrbahn. „Dort unten war’s. Da ist die Leiche vom Brotzetterl-Mord gelegen.“

Seine beiden pubertierenden Sprösslinge im Fond des Wagens seufzten, und bevor der Profes­sor zu einer ausführlichen Schilderung der Ereignisse ansetzen konnte, verkündeten sie mit der synchronen Trägheit einer Kirchengemeinde beim Sonntagsgebet: „Ja, Papa, das hast du uns schon mindestens zwanzigmal erzählt.“

Nun, kriminalistisch Interessierte ohne verwandtschaftliches Naheverhältnis zu einem Ge­richtsmediziner könnten sich Zollers Schilderungen vermutlich vierzigmal anhören und wür­den sich dabei nicht langweilen, denn sie klingen so abenteuerlich wie Heinrich Harrers Be­richte von seiner Expedition nach Tibet. Nicht umsonst nennt Zoller diesen Fall sein „Zu­ckerl“. „Hier steht es sich dafür, Gerichtsmediziner zu sein“, bekennt er. „Alles andere ist ein Quargel!“

Es war kein kalter trüber Februarmorgen, an dem die Geschichte dieses kniffligen Ermitt­lungspuzzles begann, sondern ein warmer sonniger Vormittag im September des Jahres 1988. Noch war der Eiserne Vorhang nicht gefallen, die Wende in Osteuropa sollte noch mehrere Monate auf sich warten lassen. An jenem Septembervormittag also klingelte kurz nach neun Uhr Georg Zollers Telefon in der Wiener Gerichtsmedizin. Abteilungsinspektor Friedrich Grabmann, der damalige Leiter der Tatortgruppe der Kriminalabteilung für Niederösterreich, rief den Professor zum Lokalaugenschein an die A1. „Um sieben in der Früh hat ein Bauer seinen Kukuruz inspiziert und dabei neben dem Acker eine Leich’ g’funden.“

Daraufhin informierte Zoller seinen Assistenten und eine Protokollantin. Zu dritt fuhren sie auf der Westautobahn Richtung Linz, wo nahe Kilometer 159 besagte Leiche lag. Grabmann, wie immer mit Hut, und seine Männer waren schon da. Sie hatten mit der Sachverhaltsaufnahme auf Zoller gewartet, der sich sogleich ein Bild vom Fundort machte.

Die Autobahnauffahrt in Richtung Wien, ein Gebüschstreifen, ein Wiesenstreifen, ein 1,80 Meter hoher Drahtmaschenzaun, der Kukuruzacker. Der reife Mais stand übermannshoch und so dicht, dass ganze Heerscharen von Fliehenden sich darin hätten verstecken können wie Cary Grant vor dem unsichtbaren Dritten. Ein Haufen Reisig türmte sich auf dem Gras – die Zweige einer Bruch-Weide, wie der botanisch versierte Professor auf den zweiten Blick er­kannte. Auf den ersten sah er das Paar Füße, das aus dem Reisig herausragte.


Auffindungssituation

Um 10.45 Uhr begann Zoller gemeinsam mit seinem Gehilfen und den Tatortbeamten das Reisig abzudecken. Jeder Veränderungsschritt wurde schrift­lich und fotografisch festgehalten. Man zählte 38 Zweige und fand zwei Bü­sche, von denen jemand in Greif­höhe die zirka einen Meter lan­gen Trieb­spitzen abgebrochen hatte, um die Leiche darun­ter zu verstecken. Es handelte sich tat­sächlich um Bruch-Weiden der Gat­tung Salix fragilis, deren Name von ihren be­sonders leicht bre­chenden Zweigen herrührt. Zoller ahnte, wie er sein botanisches Wissen würde nüt­zen können. Jetzt aber sah er die Anzei­chen fortgeschrittener Verwesung. An der männlichen Leiche lagen bereits Kno­chen­teile, ins­besondere die Rippen, bloß. Sein Assistent hob die dunkelblaue Trainingsjacke hoch, unter der sich der Schädel verbarg. Er war stark skelettiert. Zoller erkannte Zertrümmerungen und stellte die Todes­ursache fest: Hiebe auf den Hinter­kopf.


Leiche nach dem Abdecken

Tatort-Chef Grabmann fragte den Gerichtsmediziner erst gar nicht, wonach er seine Leute su­chen lassen sollte. Er wusste, dass haltbare Aussagen nur am Obduktions­tisch bei guter Be­leuch­tung an der entkleideten Leiche getroffen werden kön­nen. Heute, längst im wohlver­dienten Ruhestand, macht er dem gut zwei Jahrzehnte jünge­ren Professor ein Kompliment: „Ein guter Ge­richtsmediziner sagt erst was, wenn er die Handschuhe auszieht. Der Zoller ist so einer.“ […]